Die Entscheidung, unser nächstes Album ausschließlich für uns aufzunehmen und auf fb-likes, Vermarktbarkeit, Anzahl der Twitter- und Facebook-Fans, Klicks und Überlegungen zur Marktpenetration ab sofort nicht mehr zu achten, bringt ein paar ganz nette Annehmlichkeiten mit sich.
Zum Beispiel die, dass wir uns sehr entspannt zurücklehnen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein Spiel beobachten können, zu dem wir nicht gehören wollen und in dem wir nicht stattfinden werden.
Und es ist wirklich witzig, was da gerade im Moment alles passiert.
Alle paar Monate lässt die Musikindustrie ein bisschen Kohle springen, um in der Öffentlichkeit Bundesregierung darauf aufmerksam zu machen, dass ihr altes Geschäftsmodell nicht mehr richtig funktioniert und sie deshalb gezwungen ist, ihr Geld mit Massenabmahnungen und Überwachung zu verdienen, und dass die Bundesregierung das bitteschön und gefälligst per Gesetzgebung ermöglichen und erleichtern soll.
Vor einem Jahr holte man dazu Julia Neigel (kennt die noch jemand? Hiess mal Jule, bis der Name geändert wurde und sich die Musik trotzdem nicht mehr verkaufte) und andere in die Jahre gekommene Stars aus der Versenkung und ließ sie unter dem Motto “Ja zum Urheberrecht!” publikumswirksam auf die Tränendrüse drücken frei erfundene Hetzpropaganda verbreiten, weil die bösen Piraten angeblich das Urheberrecht abschaffen wollten. Wollten sie natürlich gar nie, aber egal.
Eine Diskussion fand auch nie statt, und insbesondere die gute Jule sperrte und löschte alle kritischen Stimmen, die sich auf ihrer Facebook-Page zu Wort meldeten und die Diskussion suchten (und damit meine ich nicht shitstormen, da wollten einfach nur ein paar Leute mit ihr sachlich diskutieren. Wollte sie aber nicht. Aber egal.).
Vor einer Woche zeichnete sich dann ab, dass unsere Regierung der florierenden Abmahnindustrie mit einem neuen Gesetz zumindest einen kleinen Riegel vorschieben wollte. Natürlich war das Gesetz derart aufgeweicht (man möchte ja einflussreiche Wählergruppen auf keinen Fall vergraulen), dass die Abmahnindustrie trotzdem munter weitermachen kann, aber egal.
Auf jeden Fall fiel die Musikindustrie auf die Mogelpackung rein, und da mal wieder das Geschäftsmodell (sprich: Massenabmahnungen) in Gefahr war, musste sofort eine neue öffentlichkeitsbundestagswirksame Aktion aus dem Boden gestampft werden. Diese hörte dieses Mal auf den schönen Namen “Don’t Fuck With Music”, und begann damit, dass eine “Initiative zum Schutz der Musik” mit dem Absender einer “Community Promotion&Publishing e.K.” alle Bundestagsabgeordnete mit einem (vermutlich illegalen) China-iPod-Nachbau beschenkte und einen Brief beilegte, in dem mal wieder davor gewarnt wurde, dass garantiert die Zombie-Apokalypse eintreten würde, würde man der Musikindustrie jetzt einfach so verbieten, die Konsumenten per Massenabmahnungen zu melken. Schnüff.
Ganz davon abgesehen dass nicht zu verstehen ist, warum man nicht mit Musik ficken soll (gerade “Dark Side Of The Moon” ist da beispielsweise ganz herrlich): Massenabmahnungen werden nicht wirklich verboten (dazu ist das Gesetz viel zu wischiwaschi), und Massenabmahner wie Moses Pelhams “DigiProtect” gehen auch vollkommen ohne die Hilfe unserer Regierung in die wohlverdiente Insolvenz. Schade nur, dass Moses seine Millionen wohl trotzdem behalten wird. Aber egal.
Nun ja, man weiss nicht, ob wie schnell die Bundestagsabgeordneten tun werden, was ihnen der Lobbyverband befiehlt, aber auf jeden Fall ging die Aktion nach ein paar Tagen in die nächste Runde, es wurden ein paar alternde Popstars aktiviert die das Ganze gut finden sollen (armer Sven Regener, ich hatte echt mehr von Dir erwartet) und es wurde eine schöne Webseite und eine Facebook-Fanpage gelauncht. Und gerade auf letzterer tobt gerade gewaltig der Shitstorm, obwohl sie tatsächlich das Kunststück fertig bringen, auf Facebook noch weniger Fans zu haben als Botany Bay.
Es wurde sogar demonstriert. Vor dem Bundestag. Mit fünfeinhalb Leuten, aber egal.

“Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns den Abmahnanwalt klaut!”… naja, das müssen wir noch mal üben.
Leider zeigt sich bei dem Shitstorm auf der fb-Page wieder einmal, welchen gigantischen Schaden die Contentmafia mit Gehirnwäsche-Formaten wie DSDS, X-Factor und Konsorten und mit den ewig gleichen “Hits von gestern und das Beste von heute” in den letzten Jahren in den Köpfen der Leute angerichtet hat. Denn es finden sich da natürlich wieder enorm viele Zeitgenossen, die den Musikern in den Kommentaren dazu raten, sich “eben ne richtige Arbeit” zu suchen, und die der Überzeugung sind, Musik sei halt nun mal nix wert, und es werde sie auch noch geben, wenn niemand mehr etwas dafür bezahlt. Oder um mal ein besonders bezeichnendes Original zu zitieren (eines von vielen):
Liebe Initiative, es gibt im Internet soviel gute Musik, die irgendwelche Leute in ihrer Freizeit produzieren und sie mit gewöhnlicher Arbeit finanzieren und dafür kein Geld haben wollen. Meint ihr wirklich eure Musik sei qualitativ besser? Geht doch einfach arbeiten wie der Rest der Welt auch und verabschiedet euch vom Traum ein tolles Leben mit Musik-Machen leben zu können. Oder meint ihr, wenn niemand mehr Geld für seine Musik bekäme, würde es keine gute Musik mehr geben?
Tja, Du und zig andere haben leider überhaupt nix kapiert. Setzen, Sechs.
So was macht mir eigentlich Angst. Weil hier jemand ganz ernsthaft der Ansicht ist, es ginge darum, dass man für Musik ganz allgemein nichts zahlen sollte. Und dass die “irgendwelche Leute” die die Musik “in ihrer Freizeit produzieren” ihre Produktionen deshalb verschenken, weil sie sich das so ausgesucht haben und weil sie so lieb und nett sind, und weil’s ja eh nix kostet… und nicht etwa, weil das System vollkommen kaputt ist und der Kuchen in einer einzigen großen Geklüngel-Suppe unter den ewig gleichen Verdächtigen verteilt wird und es um die Musik nur am Rande geht. Aber egal.
Apropos Kuchen. Ich wurde in der Vergangenheit ja schon öfter mal der Paranoia bezichtigt, wenn ich beispielsweise in Interviews auf die inzestiöse Verbindung von Plattenfirmen, Promo-Agenturen und kommerziellen Massenmedien eingegangen bin, und mich dazu äußerte, warum freie Musik in Deutschland keine Chance hat.
Mehr als einmal erkundigten sich Fans bei uns, warum wir “nicht mal was ans Radio schicken”, oder ob sie mal eine große Wunsch-Aktion starten sollen, damit wir “im Radio gespielt” werden. Und meine Entgegnung, dass das von vornherein Zeitverschwendung sei, weil Radios nun mal Verträge mit Werbepartnern und Plattenfirmen haben, wurde dann auch mehr als einmal mit skeptischem Stirnrunzeln beantwortet.
Glücklicherweise hat aber gestern erst der Social-Media-Praktikant (ich nehme mal an, dass es der Praktikant war; und ich nehme auch an, er ist das jetzt nicht mehr) von Weichspülradio FFH einen gigantischen Fehler gemacht, und einer Hörerin geschrieben, warum ihr Lied nicht gespielt werden kann:
Also, falls die Frage noch mal auftauchen sollte: Da oben steht die Antwort schwarz auf weiß und rot umrandet. Und das ist nicht nur bei Dudeldreck FFH so, sondern bei so gut wie allen kommerziellen Radiostationen in diesem unserem schönen Lande. Und es gilt auch nicht nur für Radiostationen, sondern auch für (beispielsweise) Onlineauftritte von Printmedien, denen “wir doch mal was schicken” könnten.
Ja, es mag Ausnahmen geben, und mit Vitamin B kann man verdammt viel erreichen, und wäre ich nicht so böse zum Web-2.0-Angestellten von der Spex gewesen, hätten sie vielleicht auch mal nachgeschaut wer wir eigentlich sind und irgendwo einen Halbsatz über uns verloren… aber größtenteils möchte die ehrenwerte Gesellschaft unter sich bleiben, und es soll ja keiner merken, dass der Kuchen ungerecht verteilt ist und eigentlich alles ganz anders sein müsste. Aber egal. Glücklicherweise machen wir das alles ja nur noch für uns…
In diesem Sinne… wir arbeiten dann mal weiter am neuen Album ;-)
P.S.: Ich hab den Artikel mitten in der Nacht geschrieben, wer Fehler findet darf sie behalten :)
















